St. Cäcilia
Eine Seite der Pfarrgemeinde NiederzierReligiöses Buch des Monats
von Biergans
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Mai.
Die ignorierten Frauen der Bibel
Annette Jantzen
Herder (2026)
300 Seiten
fest geb.
Das Frauenbild der Bibel ist weitaus vielfältiger, als die katholische Leseordnung glauben macht. Das zeigt Annette Jantzen in ihrem Buch mit einer Fülle von Belegen, die sie aus dem Vergleich der Texte der Leseordnung mit ihren biblischen Herkunftstexten gewonnen hat. Fazit der Lektüre: Kürzungen sind bei der Aufteilung der biblischen Texte in zwei Werktags- und drei Sonntagslesejahre zwar unumgänglich, weil sie in gottesdiensttaugliche Häppchen zugeschnitten werden müssen, biblische Erzählbögen werden dabei aber bis zur Unkenntlichkeit verstümmelt. Das ist an sich schon fragwürdig, aber in Bezug auf Frauen werden systematisch deren Selbständigkeit und Widerständigkeit heruntergespielt oder gar unsichtbar gemacht. Dazu zwei Beispiele: Das Buch Rut im ersten Testament erzählt die Geschichte von Noomi und ihrer Schwiegertochter Rut, beide Witwen, und wie es ihnen gelingt, kreativ und selbstbestimmt einen Ausweg aus dieser für sie bedrohlichen Situation zu finden. Der dritte im Bunde ist ein Mann, Boas, ein Verwandter, der sich darauf einlässt und dafür sorgt, dass die beiden Frauen dadurch im Rahmen der patriarchal geprägten Rechtsordnung versorgt und geschützt sind. Davon bleibt in der Leseordnung kaum etwas übrig. Sie „minimiert die Handlungen, Worte und Beziehungen der Frauen und macht Boas zum Haupthandelnden.“ Aus einem starken Buch, so Jantzen, das die altorientalische Lebenswirklichkeit aus dem Blickwinkel von Frauen zeigt, wird „ein dürrer Kurzvortrag, in dem es lediglich auf einen Stammhalter ankommt“, nämlich auf Obed, den Großvater Davids. Abgesehen davon wird damit auch unsichtbar, dass es sich um eine queere Familie handelt, denn der biblische Text betont, dass Rut Naomi ein Kind geboren hat – und nicht Boas (Rut 4,16). Das zweite Beispiel ist die Grußliste am Schluss des Römerbriefs. Paulus lässt hier etliche Personen in Rom grüßen – an erster Stelle Phöbe, die er als „Schwester“ bezeichnet und die „Beistand“ gewesen sei für viele, auch für ihn selbst. Der Lesungstext setzt allerdings erst nach der Erwähnung Phöbes ein und lässt darüber hinaus weitere Frauen aus. Nun könnte man fragen, warum das so wichtig ist, dass Phöbe erwähnt wird. Oder dass in den Evangelien an Ostern deutlicher wird, dass die ersten Zeugen der Auferstehung Frauen waren. Oder dass es einen schlechten Beigeschmack hat, Maria aus Magdala nur als Apostelin der Apostel zu bezeichnen, ihr Apostolat also im Unterschied zu dem der Männer darauf zu begrenzen, dass sie ihnen von der Begegnung mit Jesus im Garten berichtet. Und danach hat sie geschwiegen? Jantzen weist darauf hin, dass als Akteure fast nur Männer übrigbleiben. „Repräsentanz ist wichtig. Sie prägt die Wahrnehmung.“ Das kann man sehr frustrierend finden. Doch im Gespräch betonte Annette Jantzen, dass ihr das Schreiben des Buches „Freude“ gemacht habe. Die Lektüre macht auch Freude, denn über die detaillierte Auflistung der Frauen hinaus, die in der katholischen Leseordnung ausgelassen oder deren Rolle zurechtgestutzt wird, erschließt Jantzen einen spirituellen Schatz: die weibliche Seite der Geschichte Gottes mit den Menschen. (Religiöses Buch des Monats Mai)
Als „Religiöses Buch des Monats“ benennen der Borromäusverein, Bonn, und der St. Michaelsbund, München, monatlich eine religiöse Literaturempfehlung, die inhaltlich-literarisch orientiert ist und auf den wachsenden Sinnhunger unserer Zeit antwortet.



